| Worte der Generalsynode |
| G. May: "Christen und Juden" - 1965 |
Worte der Generalsynode der
evangelischen Kirche in Österreich an die Gemeinden über "Christen
und Juden" vom 17. November 1965
1.
Es gibt viel Haß und ungesühntes
Unrecht auf der Welt. Aber die Generalsynode hält sich für verpflichtet,
ein besonderes seelsorgerliches Wort vom Evangelium her zum Antisemitismus
an die Gemeinden zu richten, denn dieser ist eine besondere Not und Versuchung
unter uns. In unserer Generation sind unabsehbar viele Gewalttaten geschehen,
aber der Antisemitismus zieht sich durch Jahrtausende. Er ist älter
als das Christentum und hat viele Wurzeln. Die entsetzlichen Ausschreitungen
in unserem Jahrhundert und in unserem Volk entstammen einer Weltanschauung,
die selbst antichristlich war und deren Ziel nach der Ausrottung des Judentums
die Vernichtung des Christentums gewesen ist. Hier wird offenbar, daß
die Wurzel des Judenhasses der Haß gegen den lebendigen Gott gewesen
ist.
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2.
Die Folgen dieses Rassenfanatismus hätten
alle zur Einsicht und Umkehr bringen müssen. Dennoch schwelt der Antisemitismus
in mancherlei Gestalt unter uns und die Seele unseres Volkes leidet Schaden.
Die Alten können vielfach mit dem Erlebten innerlich nicht fertig
werden; darum können sie den Jungen nicht helfen.
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3.
Zu allen Zeiten hat es auch einen christlich
begründeten Antisemitismus gegeben. Das ist eine unbegreifliche Verirrung.
Denn wir lesen mit den Juden im Alten Testament als einer gemeinsamen Quelle
der Offenbarung. Jesus von Nazareth, den wir als den im Alten Testament
verheißenen Sohn Gottes bekennen, entstammt dem Volk der Juden. Sein
Liebesgebot steht in Kraft; es gebietet uneingeschränkt den Kampf
gegen das Vorurteil der Judenfeindschaft. Der Kreuzestod Jesu versöhnt
alle Menschen mit Gott und untereinander.
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4.
Aber das christliche Bewußtsein in
unserem Volke war, Gott sei es geklagt, nicht stark genug, daß es
sich gegenüber dem biologischen Rassenhaß hätte durchsetzen
können. Das ist ein erschreckendes Zeichen der dämonischen Mächte
der Finsternis, denen wir ausgesetzt waren und denen auch unsere Kirche
nicht genug widerstanden hat. Gerade weil der Kirche das Wort von der Versöhnung
und die Botschaft des Friedens anvertraut sind, ist die Schuld der Kirche
größer als die aller anderen Gruppen. Diese Schuld müssen
wir erkennen und bekennen. Das Wunder der Vergebung Gottes ermöglicht
uns die Umkehr.
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5.
In weiten Teilen der Christenheit hat eine
neue Begegnung zwischen Christen und Juden begonnen. Wollen wir uns davon
ausschließen? Zwingt es uns nicht vielmehr, die Grundfragen unseres
Verhältnisses zueinander zu bedenken? Indem wir unsere Schuld ernsthaft
erkennen und bekennen, vermögen wir sie nicht mehr allein dem Rassenfanatismus
zuzuschreiben und sind daher gezwungen, die verbreitete These von der Alleinschuld
der Juden am Tode Jesu als unhaltbar zurückzuweisen. Das Evangelium
bezeugt, daß Christus für alle Menschen gestorben ist, auch
für seine Verfolger. So stehen Juden und Christen in der Solidarität
der Schuld unter dem Kreuz.
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6.
Wir rufen unseren Gemeinden ins Bewußtsein,
daß Christen und Juden in einem unaufgebbaren heilsgeschichtlichen
Zusammenhang verbunden sind. Diese Verbundenheit steht unter dem Zeichen
des Kreuzes, das wir bekennen und dessen Heilsbedeutung sie leugnen. Aber
lassen wir uns doch durch die von Christen erworbene Versöhnung von
dieser Sünde der unbewußten oder unbelehrbaren Verstockung und
von der Herrschaft dunkler Triebe freimachen. Lasset uns trotz des Schmerzes
über die tiefe Scheidung und über unser eigenes Versagen den
Juden brüderlich begegnen. So werden wir wieder Mut gewinnen, auch
den Juden von der versöhnenden Liebe, die der gekreuzigte Jesus Christus
der Welt geschenkt hat, Zeugnis zu geben und glaubwürdig den Frieden
zu predigen.
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7.
Darum ruft die Generalsynode alle Glieder
unserer Kirche auf, mit ebensoviel Geduld und Bereitschaft zum Gespräch
wie mit Entschiedenheit und Nachdruck für die Überwindung des
Antisemitismus einzutreten. Um seiner zerstörenden Wirkung willen
ist das von besonderer Bedeutung im Blick auf die heranwachsende Jugend
und alle Schichten unseres Volkes.
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8.
Die Generalsynode fordert darum alle, die
in unserer Kirche Verantwortung tragen, vor allem Prediger und Lehrer,
auf, diesen Fragen in ernstem Studium, in Konferenzen, in Predigt, Unterricht
und Seelsorge ihre besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Bischof, Superintendenten,
Professoren und Fachleute mögen Anweisungen und Grundlagen für
diese Arbeit regelmäßig darbieten.
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9.
Die Generalsynode richtet an alle Evangelischen
in Osterreich die eindringliche Mahnung, ihr Gewissen und ihr Verhalten
vor Gott zu prüfen und dem Antisemitismus, wo immer er sich zeigt,
ebenso wie auch jedem anderen Haß zwischen Rassen und Religionen,
Völkern und Staaten, Klassen und Parteien offen entgegenzutreten.
Bischof D. Gerhard May
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