| Die
Glocke |
| Artikel aus "Begegnung
in der Seegasse" |
UNSERE NEUE GLOCKE

Voll Freude dürfen wir Sie in der Vorweihnachtszeit
zu einem ganz besonderen Fest einladen. Wie Ihnen vielleicht bekannt ist,
wurde das Haus in der Seegasse 16 im Jahre 1922 von der Schwedischen
Israelsmission für die Arbeit unter den Juden Wiens erworben.
In diesen Tagen hat es auch im Vorraum eine kleine Glocke gegeben, die
die Gemeinde zum Gottesdienst zusammengerufen hat. Dann brachen die Wirren
der Kriegszeit herein. Bis zum Jahre 1941 konnte die Israelsmission ihren
Dienst fortsetzen und etwa 3000 Verfolgten das Leben retten. Als eine der
letzten Mitarbeiter wurde 1941 Schwester Anna-Lena
Peterson von der GESTAPO des Landes verwiesen. Als Schwester Anna-Lena
nach dem Krieg im Auftrag von ”Rettet das Kind” wieder nach Wien zurückkehrte,
gab es keine Glocke mehr. Was blieb, ist der Metallrahmen, in dem früher
die Glocke befestigt war.



Als wir vor einigen Jahren darangingen,
die Messiaskapelle neu zu beleben, wurde der Wunsch nach einer Glocke wach.
Selbst die kleinste Kapelle sollte doch zumindest eine kleine Glocke haben.
Aber woher eine passende Glocke nehmen?



Wir haben uns gedacht, daß diese Glocke
nicht nur eine neue Zeit für die Gemeinde in der Seegasse einläuten
soll. Es soll auch eine Erinnerung und ein Dank an jene schwedischen Brüder
und Schwestern sein, die trotz größter Gefahren alles in ihrer
Macht stehende getan haben, um so vielen Wienern das Leben zu retten. Wie
wäre es daher, wenn die neue Glocke der Messiaskapelle aus der Heimat
der früheren Bewohner des Hauses käme?



Auf einer Reise durch Schweden habe ich
daher Ausschau gehalten, ob sich nicht irgendwo auf einem Bazar oder in
einem Antiquitätengeschäft eine Glocke finden läßt.
Auch Freunde in Schweden habe ich auf unser Anliegen angesprochen -
aber unverrichteter Dinge mußte ich nach Wien zurückkehren.



Doch manche Dinge gehen über Bitten
und Verstehen. Im letzten Sommer erhielten wir Besuch von unseren schwedischen
Freunden, die wir auf der letzten Reise kennengelernt hatten. Wie groß
war unsere Überraschung, als sie ein Päckchen hervorziehen. Fein
säuberlich in Geschenkpapier eingepackt eine funkelnagelneue Glocke
für die Messiaskapelle. Sie berichten, daß sie einen Bekannten
hätten, der Werkzeuge für Gießereien herstellt und auch
selbst manchmal in seiner Freizeit eine Glocke gießt. Unsere Glocke
hat er nach altem schwedischen Vorbild in Handarbeit angefertigt und ohne
unsere Kapelle je gesehen zu haben genau die Größe getroffen,
die in unsere Halterung hineinpaßt. Das uns die Tränen in den
Augen standen und wir Gott von Herzen für diese Führung dankten,
soll nicht unerwähnt bleiben.



Aber bei dieser einen Überraschung
ist es nicht geblieben. Vor einigen Wochen habe ich die alte Glockenhalterung
von ihrem bisherigen Platz im Vorraum entfernt, um sie einer gründlichen
Instandsetzung zu unterziehen, war sie doch im Laufe der Jahre dick mit
Malerfarbe überzogen und arg verbogen. Stück um Stück wurde
Rost und Farbe entfernt und das schwarze Eisen wieder freigelegt. Nur ein
kleines Stück Metall an jener Stelle, wo die neue Glocke befestigt
werden soll, wurde nicht dunkel, sondern, je mehr die Drahtbürste
den Schmutz entfernte, in desto leuchtenderem Gold funkelte es. Erst nach
einigen Augenblicken wurden mir die wahren Zusammenhänge klar. Die
alte Glocke der Messiaskapelle ist nicht still heimlich in den Kriegswirren
verschwunden. Irgend jemand muß wohl versucht haben, die Glocke mit
schweren Hammerschlägen aus der Halterung herauszuschlagen. Davon
zeugte nicht nur ein total verbogener Querbalken, sondern auch eine Menge
tiefer Einschläge im Metall. Als das nicht zum Ziel führte, hat
sich derjenige anscheinend dazu entschlossen, die Glocke kurzerhand zu
zerschlagen und auf jenen Metallrest, der fest mit der Halterung vernietet
war, verzichtet.



So ist uns von der alten Glocke ein Bruckstück
erhalten geblieben. Ein Bruchstück, kaum größer als eine
Streichholzschachtel, mit dem Ring daran, an dem früher der Klöppel
befestigt war. So schließt sich nun der Kreis. Ich habe diesen Rest
dort belassen, wo ich ihn vorgefunden habe. Die neue Glocke wird in den
Ring eingehängt werden, als ein Zeichen für die Verbundenheit
mit der bewegten Geschichte der Messiaskapelle.



Wir feiern unser Fest am 3. Advent mit Gottesdienst,
kurzer Festansprache und Kirchenkaffee. Als unseren Ehrengast haben wir
Schwester Anna-Lena Peterson eingeladen.
Ihr wird die Aufgabe zufallen, die Glocke zum ersten Mal zu läuten.
W. Zagler

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von W. Zagler; letzte Änderung: 1.5.2001