Schwedische Kirche in Wien
Interview mit Pfarrer Harald Kronvall

SAAT: Seit wann gibt es die »Svenska Kyrkan« in Wien?

Pfarrer Kronvall: 1920 kam die schwedische Israelsmission in diese Stadt und erwarb in der Seegasse 16 ein Haus, das als Zentrum für die zum Christentum übergetretenen Juden diente. Von 1938 an haben sich die Verhältnisse in Österreich total verändert, und unsere Mission stand damals ganz im Dienst der verzweifelten rassisch Verfolgten.
1939 und 1940 waren meine Eltern in der Seegasse als Missionsleiter tätig. Während dieser Zeit arbeitete auch Schwester Anna-Lena Peterson hier. Sie und meine Eltern haben vielen christlichen Juden geholfen, 5000 bis 6000 Personen konnten damals mit ihrer Hilfe das Land verlassen. Mein Vater verhandelte jede Woche im Belvedere mit Eichmann. Dabei ging es immer um die Auseinandersetzung zwischen christlicher und nationalsozialistischer Menschenauffassung. Im Herbst 1941 wurde die Arbeit unserer Mission endgültig eingestellt, Schwester Anna-Lena hat als letztes Mitglied Österreich verlassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte sie mit der Hilfsorganisation "Rettet das Kind" wieder nach Wien zurück und begann die Schwedenmission in der Seegasse erneut aufzubauen. Im Jahre 1973 wurde diese Tätigkeit eingestellt.

SAAT: Worin besteht Ihre Tätigkeit als Auslandspfarrer?

Pfarrer Kronvall: Im Dezember 1982 kam ich für die im Ausland lebenden Schweden als Pfarrer mit meiner Frau hierher. Da wir im Dezember 1985 die Seegasse verlassen mußten, suchten und fanden im wir ein für uns geeignetes Objekt in der Gentzgasse 10, Wien 18. Dieses schöne, renovierte Gebäude, einst als Barnabitenkloster bekannt, stammt aus dem 18. Jahrhundert und steht unter Denkmalschutz. Somit besitzen wir ein eigenes Zentrum, was für unsere Arbeit sehr wichtig ist. Die Kirche ist für den ganzen Menschen da, das merke ich als Pfarrer einer Auslandsgemeinde ganz besonders. Daher haben wir eine offene Tür für jedermann.
Der Tag beginnt um 9:30 Uhr mit einer Andacht in der Kapelle. Am Vormittag ist unser Haus täglich bis 13 Uhr geöffnet und am Nachmittag von 15 bis 19 Uhr. Es finden sich sowohl ältere Personen als auch Studenten ein, die hier frühstücken und lesen, aber auch auf freiwilliger Basis Hausarbeiten verrichten oder sich mit persönlichen Problemen an mich wenden. Seit Herbst 1986 verfügen wir zu unserer großen Freude über eine eigene sechsklassige schwedische Volksschule. An den Abenden treffen sich unsere Landsleute zum Bibelstudium und zur Chorprobe, jeden Donnerstag feiern wir einen Abendmahlsgottesdienst, und am Samstag versammeln wir uns zum Abendgebet. Jeden ersten Sonntag im Monat gestalten wir um 11 Uhr einen Familiengottesdienst, an den folgenden Sonntagen findet der Gottesdienst um 18 Uhr statt.
Von den 2000 Schweden, die in Wien und Umgebung leben, habe ich mit 200 Personen regelmäßig Kontakt. Die anderen Landsleute treffe ich bei verschiedenen Veranstaltungen unserer Kolonie. Wöchentlich kommen 50 bis 60 Jugendliche im Haus zusammen. Ich kann ruhig sagen. daß wir eine große Familie sind. Viele Schweden haben mir gesagt, daß ihre Kirche ihnen sehr viel bedeutet. Sie vermittelt ihnen ein Heimatgefühl.

SAAT: Werden Kontakte zwischen schwedischen und österreichischen Familien gepflegt?

Pfarrer Kronvall: In der Großstadt Wien gibt es, so wie in anderen Großstädten dieser Welt, für manche Schweden Schwierigkeiten,  Verbindungen herzustellen. Wir freuen uns jedoch, daß wir zu einzelnen evangelischen Pfarrgemeinden in Wien gute Beziehungen haben.

Heidi Peyerl
(aus: "Die Saat", Juli 1987, Beitrag gekürzt)
 
 
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